kurzsichtig

nimm du hinweg den Schleier
meiner Kurzsichtigkeit meiner Wünsche

dann sehe ich den Preis der Zeit
der abgezählten auf dem Markt der Möglichkeiten

nur heute steht das Herz mir offen
weil morgen es vielleicht schon nicht mehr schlägt

Zeitrechnung

mit Müh und Not strecke ich
meine Wurzeln aus um noch
den Lebensfaden fort zu spinnen
obwohl ich längst gefallen bin

alles Morsche in mir hat nachgegeben
dem Rütteln, Reißen und Stoßen
die alle was von mir wollten
und doch mich nur aus dem Weg

Was soll ich wagen hier für mich
die Kräfte sparen? Sie verbrennen lichterloh?
Oder eingraben mich in mir?
So könnte alles und auch nichts!

im Konjunktiv auf Halde abgelegt
ist dieses Leben witzlos überraschungsvoll
und bleibt schlicht ein Labor
für Versuchungen und Taten

doch was soll dieser Menschenversuch
im Überwachungsapparat jenem dreifaltigen
von Anfang an eingerichtet ungeahnt
doch schaut dies Auge die Bänder nicht

langweilt er sich doch nur
im Futur II ist ihm schon klar
längst jeder Schritt und Tritt
wie im Anfang war und einmal sein wird

sei relevant – schreit es von jeder Ecke
mir entgegen – sonst gehst du unter
im wilden Geschrei dieser Show
die Sterbebildchen nur verteilt

doch für wen denn eigentlich?
für mich? für dich?
warum stell ich mich hier hin
und glaub an eine Freiheit, die ich hätt

wenn meiner Hoffnung schon
das Wird-Gewesen-Sein eingebrannt ist
warum lass ich sie nicht
gleich aufgehen in Flammen lichterloh

doch Gottes Blick
der abgeschlossenen Zukunft
schenkt Heilung im ungeheilten Bruch
und heiligt so das Morsche

das mir heut zerbrochen
bricht durch alle Kraft
mit der ich will aufhalten
was hinter mir verloren liegt

so ist die Freiheit jener Möglichkeiten
mein Gefängnis dieses Lebens
das mich sperrt voll Neid ein
schamvoll ausgesetzt dem Blicke dein

doch bindet Gottes Zeitrechnung
meinen Anfang und mein End´ zusammen
damit verschlossen nicht wird
mein Leben im Parcours der Sackgassen

Logbuch

Wir leben von Ideen
Und sind doch zerrissen
In all die Fetzen
Die das Leben aus uns reißt

Ohne eine Macht zu haben
Die uns halten lässt
Die Kräfte aus,
Die uns zersprengen täglich

Jagen wir ihnen nach
Ohne Sinn und Verstand
Weil unser Ziel
Wir kennen nicht

Trotz alledem versuchen wir
Zu erzählen uns
Die eine Geschichte unseres Lebens
Vom Beginn bis heut und hier

Wir binden und verbinden
Jene dunkle Stelle uns
Bis wir sie vergessen haben
Im Logbuch unserer Reise

Doch lockt sie uns
Und sehen wir nach ihr
Die über uns hinaus
Verweist in Zeit und Ewigkeit

Alibi

ist jene Stille nicht die Ruhe
die Ruhe vor dem Tod
der viel zu früh an meiner Tür
vorstellig wird, um sich bekannt zu machen?

wenn mein Herz zur Ruhe kommt
im Heimathafen meiner Herkunft unbekannt
die den Kreis schließend mir
bringt mich zurück zu ihm, der mich anfing

ist meine Sehnsucht nach dem Mehr
das Brandzeichen deines Besitzes?
weil du dein Eigentum ließest nicht frei
zu finden dich aus Liebe frei?

bleibt meine Suche durch meine Blindheit nicht
nur versuchtes Alibi vor meiner inneren Sehnsucht?
um jenes Mehr zu ahnen nur
auf ewig entzogen nur gesucht

will ich dich wirklich finden
wenn Ruhe hat mein Herz in dir?
wenn jene spannend weite Sucht
gestillt mir wird?

spür‘ ich doch im Mangel mein
dass ich noch leb als Mensch
mit all den Fragen und dem Schmerz
die als Nebel mich umschlingen

doch trägt mich jener Schmerz auch
hin zu dir auf meiner Lebensbahn
weil ich nie stehen blieben kann
im Jetzt und Hier

Umzug

wenn alles seine Fahrt aufnimmt in meines Alltags Ort
und nichts an seinem Platz verbleibt
dann bin ich doch das Auge des Orkans
überm Ozean der Welt

gefangen in der Ruhe der Enteignung aller Dinge
ohne Zugriff auf mein Lebenselixier
alles schreibt und schiebt sich
fort hinweg

dann sind die Möbel in meinem Kopf verrückt
und kein Brett mehr auf dem anderen ruht
Vertrautheit und Vertrauen ganz
kaputt gespielt

so soll nun Neues hier beginnen
doch welches Fundament
kann meine Last denn tragen
ohne daran von Anfang an zu zerbrechen

lohnt der Neuaufbau sich überhaupt?
naht nicht der nächste Sturm?
schon trägt sein leises Rauschen
sich heran!

die Welle auf dem Fensterbrett schenkt Trost
ruft sie zum Aufbruch doch
bei jedem Blick hinaus
ins Fenster gegenüber

vielleicht nagel ich dies mal die Möbel nicht mehr fest
lass locker sie und frei
dem Spiel der Kräfte ausgesetzt
was bleibt und fliegt ist einerlei

und verrückt sich schon mein Küchenschrank
dann seh ich neu ein Fenster
des Lichts bisher verdeckt
– vielleicht

so geb ich mich der Freiheit ganz gelöst dahin
geschenkt beschenkt zu sein
allein durch dich
und für und für allein mit mir

das Licht strahlt auch auf dich zurück
und lässt dein Lachen strahlen
im Widerschein der Liebe
neu so neu wie ich’s noch nie gesehen

hat ich dich doch genagelt fest!
in mein Bildnis als Gefängnis dein
im viel zu kleinen Rahmen eingespannt
– verzeih!

doch dabei sprengst du doch mit Leichtigkeit
was hält und fest steht ohne Kraft
im Umzug dieser Urgewalt

so fällt ein Möbelstück nach deinem Plan
aus meinem Lebensbulli raus
am letzten Ort wohl bleibt das Haus
ohn´ Küchenschrank doch wohl mit dir

Espresso

ganz selbstverständlich ohne nachzudenken bestell
ich einen doppelten Espresso für mich allein
als ob der eine nicht reichen würde
nein als ob ich noch jemanden lebte

manchmal da fühlt es sich gedoppelt
mein Leben an und doch bin Statist
ich nur in diesem Laienspiel meines Alltags
gefangen oder frei den Notausgang verpasst

dies süßer Leim manch einer nennt es
Schicksal zieht mich verlockend an
doch klebrig tötend meinen Lebensflug
so bleibt mein Becher voll und nüchtern

ich zurück im neuen Morgen meines Lebens
und frag mich drängend und gehetzt wofür
warum und wann ich meinen Einsatz
endlich setz, damit das Spiel ins Rollen kommt

so bestell ich weiterhin für zwei und bin
noch nicht einmal allein – so spurlos
wie ein Nichts, doch weiß ich um der Nähe
meiner Umlaufbewegung hin auf dich